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Akademisierung in der Pflege

Akademisierung in der Pflege

Die Anforderungen an die professionell Pflegenden steigen seit Jahren kontinuierlich an. Dies ist insbesondere den Folgen des demographischen Wandels, den sich stetig verändernden gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen sowie den technisch-medizinischen Innovationen geschuldet.

Nach Berechnungen des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) wird sich die Zahl der pflegebedürftigen Menschen in Deutschland bis 2030 um ein Drittel, auf 3,5 Millionen erhöhen. Die Zunahme betrifft vor allem die Bevölkerungsgruppe der Hochbetagten im Alter von >80 Jahren (vgl. BiB, 2015, S.1). Diese Entwicklung hat einen Anstieg der Zahl von Menschen mit Multimorbidität zur Folge, der sich für die Pflegenden in der Komplexität der Anforderungen an die pflegerische Versorgung niederschlägt. Um den gesellschaftlichen Erwartungen einer qualitativ hochwertigen pflegerischen Versorgung gerecht zu werden, ist eine bessere Qualifizierung von Pflegenden in der unmittelbaren Patientenversorgung unerlässlich.

Erste Bestrebungen zur Akademisierung der Pflege fanden in Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Ländern erst verzögert in den siebziger Jahren statt. Durch die gesellschafts- und politischen Diskussionen zum Pflegenotstand zum Ende der 1980er und Anfang der 1990er gewann der Prozess an Dynamik. Denn zu dieser Zeit waren der Mangel an Pflegefachkräften und der steigende Pflegebedarf in den Gesundheitseinrichtungen bereits spürbar (vgl. Kälbe, 2008, S.40). Unterstützt wurden die Bemühungen von der Robert Bosch Stiftung, die in der Denkschrift „Pflege braucht Eliten“ 1992 eine Empfehlung zur Akademisierung der Pflege aussprachen (vgl. Robert- Bosch Stiftung, 1992). In den nächsten Jahren wuchs die Einrichtung von Pflegestudiengängen an Hochschulen um ein Vielfaches an. Jedoch bezog sich das Akademisierungsbestreben vor allem auf Studienangebote für die Lehrtätigkeit und das Pflegemanagement. Diese machen circa 85% der grundständigen Pflegestudiengänge aus. Des Weiteren werden Studiengänge der Pflegewissenschaft angeboten. Die Voraussetzung zur Aufnahme eines Pflegestudiums war unter anderem eine abgeschlossene Berufsausbildung in der Pflege (vgl. Kälbe, 2008, S.40).

Die Möglichkeit der Erschaffung von primärqualifizierenden Pflegestudiengängen eröffnete sich durch die Reformen des Hochschulsystems im Rahmen des Bologna Prozesses 1999 in Europa und der Einbindung einer Modellklausel im Altenpflege- und Krankenpflegegesetz in Deutschland. Die Bologna Erklärung diente der Etablierung eines gemeinsamen Hochschulraumes. Dieses sollte die Attraktivität des Hochschulstudiums steigern und eine Vergleichbarkeit der europäischen Länder ermöglichen (vgl. Lehmeyer & Schleinschok, 2010, S. 20). Die veränderten Strukturen hatten 1999 in Deutschland eine Novellierung des Hochschulrahmengesetzes zur Folge, in dem das gestufte Studienabschlusssystem der Bachelor- und Masterstudiengängen in Form einer Modellklausel zur optionalen Einführung neben dem traditionellen Studiengängen Diplom, Magister und Staatsexamen eingebunden wurde (vgl. HRG, 1999, §19). Derzeit bestehen vornehmlich an den Hochschulen in Deutschland 154 primärqualifizierende, Bachelor- und Masterstudiengänge in den Kompetenzen zu verschiedenen Pflegschwerpunkten erworben werden können. Vor allem in den letzten 10 Jahren wuchs die Anzahl von dualen und primärqualifizierenden Pflegestudiengängen, die es Interessierten ermöglichen die theoretischen Ausbildungsinhalte auf akademischen Niveau zu erhalten (vgl. Heitmann & Reuter,2019, S.59f.). Auch besteht für ausgebildete Pflegefachkräfte die Option, nach der erfolgreichen Absolvierung der Ausbildung durch eine verkürzte Studienzeit, den Bachelorabschluss in der Pflegewissenschaft zu erwerben.

Somit stehen interessierten Pflegenden vielfältige Möglichkeiten zur Weiterqualifizierung neben der Absolvierung einer Fachweiterbildung durch ein Studium offen. Es bestehen Vollzeit und berufsbegleitende Angebote sowie die Option des Fernstudiums. Dies eröffnet viel Spielraum, den individuellen Weg der fachlichen Qualifizierung für sich zu finden.

Um die an die Pflegenden gerichtete Erwartung der Gesellschaft einer qualitativ hochwertigen pflegerischen Versorgung gerecht zu werden, ist es erforderlich, die akademische Primärqualifikation von Pflegekräften in der unmittelbaren Patientenversorgung zu forcieren, um dem Problem der steigenden und komplexer werdenden Pflegebedürftigkeit adäquat begegnen zu können (vgl. Kälbe, 2013, S.1127). Vor allem die Kliniken sind darauf angewiesen, dass wissenschaftliche Expertise zeitnah den Weg in die Pflegepraxis findet, um eine bedarfsgerechte evidenzbasierte Pflegequalität vorweisen zu können.

Katharina Otocki-Gören

Katharina Otocki-Gören

Stellv. Pflegedirektorin MBA,
Fachkrankenschwester für Anästhesie-und Intensivpflege
am AGAPLESION Diakonieklinikum Rotenburg

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